Kaleidoskop – im Durcheinander das Schöne entstehen lassen

Eine kulturell-politische Diskussion

Unter dem Titel „Kaleidoskop“ hatten die Veranstalter von Theaterwelten zu einer kulturpolitischen Talkrunde eingeladen. Eine der zentralen Fragen lautete: „Wie notwendig ist ein internationaler Theateraustausch in einer sich immer weiter globalisierenden Gesellschaft?“
In einer spannenden Zusammensetzung aus nationalen und internationalen Vertretern der Kultur und Politik nutzten die Gäste die Chance, über diese Thematik vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen zu diskutieren. Für ein weltumspannendes Netzwerk, das unter dem Schirm der UNESCO tätig ist, war Dr. Thomas Engel, Direktor des Internationalen Theaterinstituts (ITI), Zentrum Deutschland zu Gast. Von künstlerischer Seite nahmen drei Workshop-Referenten an der Runde teil: Theatermacherin Bronwyn Tweddle aus Neuseeland, Schauspieler und Theaterpädagoge Christél Gbaguidi aus Benin/Afrika und Jessica Laignel, Spezialistin für interkulturelles Training aus Berlin. Aus der Politik positionierten sich Stephanie Erben, die Sprecherin von Bündnis 90 / DIE GRÜNEN Thüringen und der Bürgermeister von Rudolstadt Jörg Reichl. Für den Thüringer Theaterverband sprach Mathias Baier, Geschäftsführer des Thüringer Theaterverbands.
In seinem Eingangsstatement brachte Moderator Stephan Schnell, BDAT-Referent für Bildung und Internationales, seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Talkrunde ganz im Sinne eines Kaleidoskops Buntes durcheinander schüttele, damit neue Bilder entstehen könnten und man so der Vision einer Begegnung der Kontinente auf Augenhöhe näher käme.
Bürgermeister Reichl griff die Metapher auf: „Derzeit wird die ganze Welt durcheinander geschüttelt.“ Es seien meist keine schönen Bilder. Mit der Folge wachsender Flüchtlingsströme verändere sich die Welt, so Reichl. Auch Rudolstadt werde sich durch die Aufnahme von Flüchtlingen weiter verändern. Diffuse Angst verstelle oftmals den Blick dafür, dass Neuankömmlinge die Gesellschaft bereichern könnten. „Integration kann nicht heißen, dass Menschen, die zu uns kommen, sich anzupassen hätten, und Schluss!“ Das hier zu erlebende Festival sei der richtige Weg, denn über Kultur sei ein großes Verständnis erreichbar, das Ängste abbaue.
Der Geschäftsführer des Thüringer Theaterverbandes Mathias Baier hob das Engagement des Bürgermeisters hervor, appellierte aber zugleich an Politik und Geldgeber, diese Theaterbegegnung auch künftig zu fördern. Er stellte den besonderen Charakter der Veranstaltung heraus – mit Workshop-Angeboten aus allen Kontinenten, internationalen Aufführungen und kreativem Dialog. Ein reines Aufführungsfestival wäre aus seiner Sicht nicht das Ziel.
Dr. Thomas Engel betonte, dass Theater stets auch ein Experiment mit offenem Ausgang sei, das nicht mit Auslastungsforderungen belastet werden sollte. „Es ist kein kommerzielles Geschäftsmodell, sondern kulturelles Labor.“ Gefragt nach ihrer Position zur Hochkultur im Vergleich zur freien Szene räumte Stephanie Erben von den Grünen ein, dass ihr Herz besonders für die freie Theaterszene schlage und sie hier den Prozess spannender fände als die Präsentation fertiger Ergebnisse.
Auf unterschiedliche Theatertraditionen und Entwicklungen in Australien und Neuseeland ging Bronwyn Tweddle ein. „Professionelles Theater gibt es in Neuseeland erst seit 1964, eine erste Schauspielschule seit den 1970ern“, erläuterte die Dozentin. Man konnte sehr viel vom europäischen Theater lernen, hatte aber auch viel einzubringen aus den Traditionen der Ureinwohner. Die Maori kennen viele performative Formen, aber sie trennen nicht zwischen Darstellern und Publikum.
Im Zugehen aufeinander stellen sich allerdings auch schwierige Fragen, z. B.: „Was von der eigenen Kultur wollen wir behalten?“ Dazu brauche man manchmal einen Spiegel. Nach ihrer eindringlichen Rede sprang ihr Co-Referent, der Maori-Künstler Rangimoana Taylor, auf und sang laut in seiner Sprache – weil man in der Maori-Kultur eine Publikumsansprache so zu honorieren pflegt. Niemand fand das lächerlich, man war tief bewegt.
Jessica Laignel bestätigte Stephan Schnells These, dass es auch im (europäischen) Theater viele kulturelle Klischees zu dekonstruieren gelte: Warum irritiere z. B. die im Festivalauftakt gesehene afrikanische Erzähltheaterform? Mit welchen Bildern im Kopf gehen wir dahin, mit welchem Filter wird Fremdes betrachtet? Angstfrei Neues zu akzeptieren, daraus zu lernen, Grenzen aufzulösen, sich auf Perspektivwechsel einzulassen, sei die Herausforderung.
Zu den Stärken internationaler Theaterbegegnungen äußerte sich Christel Gbaguidi, der abwechselnd in Berlin und in Benin/Afrika mit Flüchtlingen arbeitet, mit einer sehr dezidierten Meinung: „Die Welt ist ein Theater. Es gibt keine Fremden, es gibt nur Menschen. Ich bin kein Schwarzer, kein Weißer, ich bin Mensch!“
Die Teilnehmer dieser Theaterbegegnung hatten am Ende eine Vorstellung davon gewonnen, wie das Miteinander gelingen könnte. Mir selbst ging es jedenfalls so. Das Bewusstsein für den Wert der Verschiedenartigkeit in der Gemeinschaft ist gewachsen – das wirkliche Interesse am Anderen ist geweckt – und das macht internationale Theaterbegegnungen so notwendig.

Kay Gürtzig

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