Theaterwelten. Perspektiven und Bedingungen für Theatermacher weltweit.

Bretter, die die Welt bedeuten. Zu Shakespeares Zeiten schien noch möglich, was sich heute als Narretei erweist: die Welt als eine Einheit zu begreifen, die aus einer einzigen, nämlich der europäischen Perspektive heraus erfasst werden kann. Politisch und ökonomisch leben wir längst im Bewusstsein der Globalisierung.

Aber spricht man von Kultur, so schwingt immer noch die hybride Vorstellung mit, Europa sei der Mittelpunkt der Welt. Dies gilt ganz besonders für unseren Begriff von Theater. Theater denken wir immer noch rein europäisch. So bilden wir aus und weiter, und so bemessen wir die Qualität einer Theateraufführung. Theorie und Praxis des Theaters in Europa sind der Maßstab und Fixstern unserer Urteilskraft.
Als Bundesverband hat der BDAT die Verpflichtung, im Interesse seiner Mitglieder nicht nur den Status Quo bestmöglich zu erhalten, sondern auch perspektivisch weiterzudenken.
Das ist zugleich auch die Grundidee von Theaterwelten: Der Blick soll geöffnet werden für die Vielfalt der Theaterformen, für die verschiedenen Welten von Theater. Durch konkretes und aktives Erleben soll ein tieferes Verständnis für andere Theaterbegriffe und andere Bedeutungen des Theaters in den Regionen der Welt außerhalb Europas ermöglicht werden. Zentral ist dabei ein Dreiklang von Erleben durch Aufführungen, Agieren durch gemeinsame Workshoparbeit und Reflektieren durch Vorträge, Referate, Ausstellungen und Diskussionsforen.
Ziel und Prinzip von Theaterwelten ist eine Begegnung mit den anderen, außereuropäischen Theatervorstellungen und Theaterpraktiken auf Augenhöhe. Deswegen sollen die sechs Weltregionen (Europa, Asien, Afrika, Australien und Ozeanien sowie die zwei Amerikas) stets gleichberechtigt (1 Workshop, 1 Aufführung pro Region) repräsentiert werden.
Wenige Tage vor Beginn der Theaterwelten 2015 formulierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) seinen Begriff von auswärtiger Kulturpolitik, die versucht zu begreifen, was den anderen treibt, aber nicht der Vorstellung anheimfällt, ihn deshalb schon korrigieren zu können.

SZ: Das klingt nach einem neuen Kulturbegriff.
Steinmeier: Mir geht es nicht um den Kulturbegriff als solchen, sondern darum, wie wir gesellschaftliche Prozesse in ihrer Unterschiedlichkeit verstehen und darauf eingehen. Der Wunsch, sozial Anschluss zu finden, die eigene Identität mit den wirtschaftlichen und politischen Realitäten der Globalisierung übereinzubringen, findet eben in manchen arabischen Staaten ganz andere Ausdrucksformen, als, sagen wir, in Ländern in Afrika. Deshalb kann sich Kulturpolitik nicht auf ästhetische Kategorien beschränken, sondern muss politische und soziale Kriterien hinzuziehen. Es geht mir um die soziale Kraft von Kultur.
SZ: Wie sieht denn ein Austausch aus, der nicht zur Vertiefung der Gräben führt?
Steinmeier: Meine Philosophie ist Förderung ohne Dirigismus. Und es wäre ja naiv anzunehmen, dass jeder Austausch schon zu Verständnis, geschweige denn Einverständnis führt. Es kann auch sein, dass Austausch zunächst mal Katharsis bedeutet und erst vielfache Wiederholung zu Verständnis beiträgt.”

Mit diesem Verständnis von auswärtiger Kulturpolitik spiegelte Steinmeier auch eine der Grundideen von Theaterwelten.

In seiner ersten Durchführung in Rudolstadt lag der Schwerpunkt von Theaterwelten auf den Workshops, ergänzt durch zwei Aufführungen aus Benin/Afrika und Argentinien/Südamerika, einen Vortrag zum Thema „Wie übe ich künstlerische Kritik?“ durch eine Vertreterin der niederländischen Theaterschule „dasarts“ sowie eine Fotoausstellung über FITHEB, das größte westafrikanische Theaterfestival. 2015 ist als Kick-off gedacht. Ab 2017 ist geplant, Theaterwelten biennal durchzuführen, die Workshops und die Reflektionsebene sollen durch Aufführungen aus allen Regionen ergänzt werden.

Wenn eine Idee auf Welt trifft: Spätestens nach dem zweiten großen Beben in Nepal Ende April war klar, dass Ashesh Malla, Leiter des Sarwanam-Theaters in Kathmandu, den Workshop für die Region Asien absagen musste. Aber gerade an solchen Ereignissen werden auch die diversen Realitäten der Theaterwelten deutlich und die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen weltweit Theater gemacht wird! Das zeigte sich auch im Hinblick auf Russland und den afrikanischen Kontinent. Denn niemand ahnte bei der Planung der Workshops, wie brisant und aktuell sie plötzlich werden würden.

Hier liegt auch die besondere Bedeutung der Theaterwelten der Zukunft, zum einen die kulturpolitische Dimension: Wie kann das Amateurtheater als eine gesellschaftliche Möglichkeit genutzt werden, um geopolitischen Realitäten zu begegnen und zu überwinden? Und dies in ganz spielerischem Sinn, auf ganz einfache Art, die in ihrem konkreten Miteinander begeisterte Emotionen auslöst und so für eine Weile auch wirklich eine Begegnung auf Augenhöhe bildet. Dabei muss die Ebene der praktischen Workshops um mindestens zwei Dimensionen erweitert werden, die in einer ersten Durchführung nur zum Teil realisiert werden konnten. Zum einen um die Ebene der Aufführungen. Unverzichtbar gehört die Darstellung der jeweiligen Theaterwelten in Form einer Aufführung zum Gesamtbild der Theaterwelten. Die Repräsentation als zweite Dimension neben dem konkreten Tun in den Workshops als erster Dimension ist eine Grundbedingung für ein wertschätzendes, gegenseitiges Verstehen. Im Übrigen können Menschen von außerhalb Europas nur so an den Theaterwelten in Deutschland teilnehmen. Die dritte Dimension ist jene der Reflektion. Hier ist jedoch weniger die Kritik des Erlebten und Gesehenen durch die Teilnehmer gemeint, wobei Theaterwelten sicherlich geeignet wäre, eine Schule des Sehens zu entwickeln. Erste Ansätze dazu wurden mit dem Vortrag von „dasarts“ und dem Workshop zum Thema „Interkulturalität“ bereits gemacht. Nein, die dritte Dimension muss wesentlich auch die ganz unterschiedlichen Bedingungen des Theatermachens in dieser Welt in den Blick nehmen. Theater ermöglicht Menschen, ob als Spieler oder Zuschauer, ein tieferes Verständnis der Welt. Im Theaterspiel zeigt sich ein konkretes, kulturell geformtes Weltbild. In kultureller Vielfalt bilden die Theaterformen der Weltregionen ein heterogenes Verständnis von Welt. Theaterwelten ermöglicht Menschen nachhaltig neue Zugänge und trägt dazu bei, Teilhabe an globaler, kultureller Vielfalt zu verwirklichen. Das langfrisitige Ziel muss sein, Theaterwelten auch in allen anderen Regionen durchzuführen, um auf diese Weise ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen. Um den Faden dieses Netzwerkes auch zwischen den Durchführungen (z. B. bis 2017) nicht abreißen zu lassen, soll der Blog zu Theaterwelten weitergeführt werden.

Bis dahin kann dem Geschehenen auf dem Blog www.theaterwelten.info nachgespürt werden. Noch steht eine umfassende Evaluation der ersten Durchführung aus, aber bereits jetzt lässt sich feststellen, dass Theaterwelten konkrete Impulse gesetzt hat, die von Teilnehmern aufgenommen und in neuen Projekten und kleinen Kooperationen weitergeführt wurden. Bretter die Welten bedeuten können!

Stephan Schnell

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