Theaterwelten

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DANKE! UND AUF WIEDERSEHEN 2021 IN RUDOLSTADT!

Wir, die Festivalblogger, sagen Danke dafür, dass wir dieses Festival erleben durften. Wir danken den Ensembles und Teilnehmenden für ihren Enthusiasmus und ihre ansteckende Begeisterung. Wir bedanken uns für fesselnde und einzigartige Inszenierungen. Wir erlebten unvergessliche und bewegende Theatermomente.

Wir verneigen uns vor euch, trinken auf Euer Wohl und sagen:

EL ÁNGEL DE LA VALIJA Foto: Mathias Baier

Wir sehen uns und viele neue interessante Künstlerinnen und Künstler hoffentlich in zwei Jahren erneut in Rudolstadt zum Festival THEATERWELTEN 2021!

 

 

DER GEMEINSAME AUFTRITT ZUM FINALE …

Tosenden Applaus, aber auch ein paar Tränen gab es zu den Abschlusspräsentationen aus den fünf Workshops am Sonntag und damit am Ende des THEATERWELTEN Festivals 2019.

Fulminant, energetisch und kraftvoll zeigten sich die Teilnehmenden des Workshops „Kraft und Anmut der Kampfkunst“, die mit ihrer Präsentation ein Beben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, auslösten.

Die Einzeldarstellungen des „Meta-Theater“-Workshops verbanden sich zu einem emotionalen Zusammenspiel, Die Isolation wandelte sich in einen gemeinsamen Ausblick. Die Teilnehmenden der „Mehrsprachigen Bühne“ setzten sich intensiv mit Identität, Sprache und Macht auseinander. Ihre Gedanken richteten sie mittels Briefen an fiktive Personen und reale Politiker.

Eine fantasievolle Präsentation mit hohem Unterhaltungswert lieferten auch die Teilnehmenden des Figurentheater-Workshops „Atem des Lebens“ mit Ihren „Nasenfiguren“. Etwas tatsächlich Magisches zeigte die Präsentation des Improvisationsworkshops, der das Theaterwelten-Festival 2019 abschloss.

Anschließend hieß es dann „Goodbye und auf Wiedersehen“! Und auch wir freuen uns bereits auf das Jahr 2021, wenn wir in Rudolstadt wieder Theater aus allen Erdteilen begrüßen und erleben dürfen.

DIE GETRÄNKE GEHEN AUF MICH!

Das TEATRO SOBRE EL CAMINO aus Kuba begeisterte das Publikum am späten Samstagabend im Schminkkasten mit der Inszenierung LAS BEBIDAS SON POR PEARL; einer Eigenproduktion, geschrieben von Elizabeth Aguielera Fariñas, die zugleich Regie führte und die Hauptrolle der Janis Joplin spielte.

LAS BEBIDAS SON POR PEARL Foto: Mathias Baier

Die Produktion bestach durch ihre offene Form. Immer wieder wurden die Grenzen von Bühnen- und Zuschauerraum aufgehoben und durchbrochen. Zu Beginn der Performance wurde das Publikum in kleinen Gruppen vor dem Theater abgeholt und in den Schminkkasten – der an diesem Abend zur Musikbar wurde – plaziert. Auf der Bühne stand ein Tresen und Schauspieler in eleganten Hemden schenkten den ersten – aber keinesfalls letzten – Rum des Abends an die Gäste aus. Das Publikum durfte sich wohl und willkommen fühlen, sich zurücklehnen und entspannen. Nach dieser Art des Praesentio erfolgte der erste harte Bruch: Auf der Bühne liegt, nur in Unterwäsche, halb in einen Gitarrenkasten verschwindend und sichtlich von Drogen und Alkohol gezeichnet – die Darstellerin der Janis Joplin. Das Publikum erlebte den expressiven, körperlichen Verfall der Sängerin, die über die Bühne wankend und stolpernd ununterbrochen Alkohol, Zigaretten und Drogen konsumierte. Janis Joplin möchte frei sein. Frei sein, in einem von Rassismus durchdrungenen Land. Frei sein, in den USA, einem Land das eigentlich diese Freiheit verspricht. Janis Joplin suchte nach Freiheit in der Liebe, in ausschweifenden Partys und in der Musik.

Das TEATRO SOBRE EL CAMINO hat es verstanden, den Spannungsbogen während des Stückes stets am obersten Level zu halten. Die permanenten Wechsel zwischen Livemusik mit  Wohlfühlatmosphäre und spielerischer Komik hin zu schockierenden Momenten und menschlichen Abgründen erschufen diese Dramaturgie. Kaskadenartig stürzte die Darbietung auf die Zuschauer ein; mit Humor und Esprit, mit Verzweiflung und Angst. Die schauspielerischen Explosionen und Implosionen der Hauptdarstellerin waren überwältigend. … In einem Moment wippt das Publikum im Rhythmus der Livemusik oder ist von einer lasziven Stimmung betört, um im nächsten Augenblick gelähmt und entsetzt einer brutalen Vergewaltigung beizuwohnen.

LAS BEBIDAS SON POR PEARL Foto: Mathias Baier

In rasanter Abfolge wurden Emotionen im Publikum geweckt und mit der nächsten Geste ausgelöscht. Das Ensemble bewies den Mut, politische Fragen wie Blackfacing, Genderdebatten, Rassismus und Kolonialismus auf die Bühne zu bringen und das Publikum mit den Grenzen der Freiheit zu konfrontieren. Hut ab für diesen professionellen und offenen Umgang mit brisanten Themen und das Aufzeigen davon, dass Theater Freiheit bedeuten kann, denn auf der Bühne gibt es keine Grenzen. Und das Publikum war sich am Ende einig: Genau so sollte das Theater sein.

LAS BEBIDAS SON POR PEARL Foto. Mathias Baier

THEATER SOLL GENAU INS HERZ TREFFEN, UM DANN IM KOPF ZU EXPLODIEREN.

Imke Bachmann

 

DO NOT PASS AWAY …

Ein leidenschaftliches tänzerisches Solo begeisterte die Teilnehmenden und Besucher der THEATERWELTEN am Samstagabend im Theater im Stadthaus. Sie erlebten mit FAREWELL MY CONCUBINE – THE MOVEMENT OF THE MARTYR eine Verschmelzung von Martial Arts und Contemporary Dance durch Jack Lee vom Lee Wushu Arts Theatre aus Malaysia.

Farewell my Concubine Foto: Mathias Baier

Ungewöhnlich für unsere cineastisch geprägten Sehgewohnheiten, die im Tanztheater sonst gern übernommen werden, unterlässt es diese Inszenierung insbesondere zu Beginn, unsere sinnliche Aufmerksamkeit zu teilen. So bleibt der eröffnende Schwertkampf frei von visuellen Effekten oder musikalischer Untermalung und überlässt es allein der unfassbaren Körperlichkeit und Präzision des Tänzers, die Zuschauer in atemloses Staunen zu versetzen. Die so erzeugte Ruhe verbreitete sich in das Visiotorium und verfeinerte die Blicke für jeden bewegten und ruhenden Moment der Darbietung. Diese Ruhe im steten Wechsel mit den rasanten doch stets präzisen Bewegungen und artistischen Einlagen, verbanden sich zu einer einzigartigen Choreografie. Die erlebte Darbietung war eine bildgewaltige und körperliche Vereinigung von Stärke und Anmut, von filigraner Präzision und explosiver Expression, von epischen Bildmomenten und physischer Trauer. Die so entwickelte Bildsprache, die ganz in östlicher Tradition keiner Mimik bedarf, überlässt es allein dem Körper, tiefe Emotionen zu übersetzen. Das Tanzstück entwickelte sich in Bildern und Szenen zu einem performativen Akt, welcher asiatische Kampfkunst und Körperlehre mit zeitgenössischem Tanz verwebte. Die tänzerische Darbietung  wird im weiteren Verlauf nur akzentuierend durch Projektionen und Musik unterstützt. Als Bühnenrequisite genügt allein eine Bank.

Inhaltlich greift das Stück den Stoff der Peking-Oper „Farewell my Concubine“ auf: eine über 2000 Jahre alte chinesische Erzählung  von Kampf, Trauer und inniger Liebe. Im Angesicht einer kriegerischen Niederlage schenkt König Xiang Yu seiner Konkubine die Freiheit. Aus Liebe zu ihm verzichtet sie jedoch auf dieses Geschenk. Gemeinsam wählen sie den Freitod.

Farewell Foto: Mathias Baier

FAREWELL MY CONCUBINE IST EIN EPOS IN BILDERN UND BEWEGUNGEN, DAS SEINE INTENSIVE, DARSTELLERISCHE  KÖRPERLICHKEIT IN DIE BEWEGTEN EMOTIONEN SEINER BETRACHTER VERWANDELT  … DARUM GEH NICHT! VERWEILE DOCH, …

Mathias Baier