Rudolstadt

I AM LINKED TO THE SUITCASE

Stehende Ovationen wurden der argentinischen Gruppe TOIA & CALLACI für ihre Inszenierung EL ÁNGEL DE LA VALIJA am Freitagabend auf der Bühne im Schminkkasten Rudolstadt entgegengebracht.

El Ángel Foto: Mathias Baier

Ein Spieler! Severo Callaci verkörperte nicht allein die zentrale Rolle des Ezequiel Sanguinetti, sondern noch neun weitere Rollen mit einer wahnsinnigen Präzision. Die Mimik, die Gestik und der sprachliche Duktus der einzelnen Charaktere waren auf das Genaueste ausgearbeitet und zugespitzt. Die Transformationen von einer Rolle in die nächste waren fließend choreografiert oder plötzlich positioniert, aber immer auf den Punkt genau. So wurde die alte, sorgenvolle Tante durch den eleganten Schwung des roten Kopftuches zum nervigen Nachbarn oder der Lehrling verwandelte sich im Sturz, noch bevor er auf den Boden auftraf, zum einäugigen Meister.

Drei Requisiten! Tuch, Stock und Koffer. Diese Bühnenaccessoires genügen, um in die Geschichte von Ezequiel einzutauchen, der auserwählt wurde, ein Engel zu werden. Diese drei Gegenstände wurden nicht allein in einer überbordenden Vielfalt genutzt, um Rollen und Orte zu markieren. Nein, auch sie selbst wurden durch das fulminante Spiel von Severo Callaci lebendig. Besonders dieser Koffer, dieser eigensinnige Koffer, der seinen Besitzer so sehr liebt und nicht verlassen werden möchte, der seine Mundwinkel nach unten zieht, der weint, der lacht. Grandiose pantomimische Einlagen und gezielt eingesetzter Slapstick waren in vielen Momenten der Darbietung das nonverbale Mittel, um das Publikum abzuholen, zum Lachen zu bringen und es im Fortgang der Geschichte mit der Frage zu konfrontieren:

Vielleicht ist der Himmel nicht für alle?

Die Sprache! Auf der Bühne wurde Spanisch gesprochen, auf der Leinwand waren englische Untertitel eingeblendet. Eine Übersetzung war jedoch gar nicht erforderlich, denn die viel kraftvollere Sprache fanden die Zuschauer im mimischen Ausdruck und im Körperspiel des Performers. Eine besonders bewegende Szene war der Sprung aus dem Himmel: Ezequiel Sanguinetti fällt, fällt und fällt und taucht ein in ein Meer … plötzlich schwebt er, taucht er, taucht auf, fällt in Ohnmacht und treibt an den Strand. Wortlos! und unbeschreiblich schön gespielt!

Das Ende! Am Ende steht auf der Bühne allein der Koffer. Der verlassene, traurige Koffer in einem einsamen Lichtkegel gefangen. Doch plötzlich bewegt er sich fort. Ganz von alleine. Das ist Magie und das war wahrhaft große Schauspielkunst! Danke!

Imke Bachmann

USE THEATRE AS SMALL WINDOW TO OPEN UP YOUR MIND

Auf dem Festival THEATERWELTEN wurde am Freitagnachmittag  als Teil der Initiative „Die Vielen“ in einem Bar Camp über die Synergie von „community“ und „theatre“ diskutiert. Es stand die Frage im Raum: Was sind die Aufgabe und die Kraft von „community theatre“ in diesen Zeiten?

Hier ein paar Zitate aus dem Gespräch:

„Theater muss Beispiele aufzeigen, wie ein Umgang mit Unterschieden möglich ist und Grenzen überwunden werden können.“

BarCamp Theaterwelten Foto: Mathias Baier

„The community is constantly changing.“

Barcamp Theaterwelten

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BarCamp Theaterwelten Foto: Mathias Baier

„Im community theatre werden Unterschiede als Möglichkeiten gesehen.“

Barcamp Theaterwelten Foto: Mathias Baier

Für das Festivalteam ergab die Gesprächsrunde zahlreiche praktische Impule für kommende Projekte und als Aufgabe die Fragestellung:

„What is the community of the festival Theaterwelten?“

EDVARD MUNCH MEETS ARAB SPRING …

Die zweite Darbietung des THEATERWELTEN Festivals am frühen Freitagabend kam aus Algerien. Das dreiköpfige Darstellerensemble der Gleam Group aus Skigda präsentierte SCREAM OF PAIN. 

ScreamOfPain Foto: Mathias Baier

Mit performativen Mitteln und in einer strengen Choreografie entstand eine Abfolge von statischen und bewegten Bildern als Sequenzen und Collagen. Die Performance verknüpfte Darstellung, Sound und Bühnenstimmungen, um Emotionen zu plakatieren oder Bedrohungen, Ängste und Unterdrückungen in eine Bildsprache zu übersetzen. 

ScreamOfPain Foto: Mathias Baier

Die Darstellerinnen und Darsteller erkämpfen sich buchstäblich ihre Darbietung. Sie hingen in den Seilen, schliffen sich die Haut ab, standen unter Druck oder waren Unterdrücker. Sie bedrängten, schlugen und schnürten sich … Das Leben riss und zerrte an ihnen. …

Als Raum der Interpretationen ist SCREAM OF PAIN eine Art universelle Parabel auf die Ängste und Konflikte in jeder Gesellschaft der Gegenwart; lokal und global. Der Mensch wird verbildlicht als Unterdrücker und Vernichter, als Gepeinigter und physisch und psychisch zerstörtes Wesen. Die Gesellschaft wird als kranker und überwachter Organismus in einer von Menschen infizierten Umwelt gezeigt. Die Performerinnen und Performer der Gleam Group bilden dabei sowohl ihre eigene Staffage als auch ihre Selbstmanifestation.

Was der Performance – in meinen Augen – noch gut täte? Ein wenig mehr Dynamik, Spontanität, Licht und detailliertere Interaktionen … und etwas weniger an zeitgenössisch hergebrachter Plakatierung.

Mathias Baier

WHO THE HELL IS ABULKASEM?

Eine INVASION! kam über die Eröffnungsgäste des THEATERWELTEN Festivals am Donnerstagabend.

Das finnische Ensemble Ilves Teatteri präsentierte ein Stück schwedischer Gegenwartsdramatik aus der Feder von Jonas Hassen Khemiri. Dies geschah in einem furiosen Tempo, mit virtuoser Bühnenpräsenz und in einer einerseits fein akzentuierten und andererseits bildgewaltigen Inszenierung. Eine wahrhafte Invasion!

Ein Name, eine Fiktion, eine Behauptung steht im Zentrum des Stückes: Abulkasem. Kaleidoskopisch und in diversen theatralischen Stilformen baut sich das Stück um Abulkasem auf. Im Stück werden Identitäten, Milieus, Kulturen, vielfältige und lebensnahe Geschichten verhandelt. Der Name zirkuliert durch jede Szene, er wird von Moment zu Moment, von Figur zu Figur weitergereicht. Der Name wird zur Bedrohung, zum Objekt, zum Fremd- und Selbstbildnis. Die zahlreichen Rollen des Stückes berichten über Abulkasem oder werden Abulkasem, der sich dabei stetig verwandelt. Abulkasem steht für das in einem Namen personifizierte Fremde oder wie es eine Zuschauerin im Nachgespräch formulierte: Es geht um den Abulkasem in jedem von uns.

Die vier Spielerinnen und Spieler des Ilves Teatteri nehmen alle sechszehn Rollen ein und vollführen dabei temporeiche und humorvolle Rollen- und Szenenwechsel auf und neben der Bühne. Damit verführen und gewinnen sie schnell das Publikum. Das gemeinsame Spiel der jungen Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne zeugt in jeder Phase der Inszenierung von einer starken und exakten Interaktion ihrer Rollen. Dieses taktgenaue Spiel wird jedoch immer wieder durch ein pointiertes Ausbrechen und direktes Ansprechen des Publikums aufgebrochen. Die Inszenierung entwickelt so eine fesselnde Dynamik. Die Darbietung erfolgt zweisprachig in einem bravourösen und rhythmischen Wechsel zwischen Finnisch (Englisch übertitelt) und Englisch. Doch auch die diejenigen der zahlreichen internationalen Zuschauer, die sich allein dem Schauspiel des Ensembles überließen, wurden von der Leistung des Ensembles und den Szenenbildern eingefangen. Eine einfache Bühnenszenerie verbunden mit einigen Projektionen genügen der Inszenierung, um auch in der visuellen Ästhetik zu überzeugen. Das Publikum erlebte eine humorvolle Darbietung, die ein bedeutendes gesellschaftliches Thema und die damit verbundenen realen und fiktiven Emotionen und Urteile auf die Bühne und in das Bewusstsein hob.

„Es ist Abulkasem! Ich bin Abulkasem … Der Name gewinnt irgendwie die Herrschaft über mich, beruhigt mich … Abulkasem ist echt selbstbewusst … Abulkasem kennt keinen Angstschweiß, keine weichen Knie … Abulkasem hält einfach das Mädchen an der Bar bei Laune und fängt an, ihre Ohren mit den schönsten Komplimenten zu streicheln … “  [AUSZUG – Rowohlt Theater Verlag]

Mathias Baier

THEATERWELTEN 2019 MIT FINNISCHER INVASION ERÖFFNET!

Ilves Teatteri bei den Proben

Vor der Festivaleröffnung stieg die Spannung noch einmal rasant an: Einige der internationalen Festivalgäste steckten aufgrund des streikendes Flugverkehrs in Madrid fest; schafften es jedoch noch rechtzeitig – mit einem Tag Verspätung – zum Festivalauftakt nach Rudolstadt. Bis zuletzt nutzte das Ilves-Teatteri aus Helsinki noch die freie Bühne als Probenraum. Währenddessen füllte sich bereits das Foyer mit Gästen und Teilnehmenden des Festivals, das alle zwei Jahre in Rudolstadt stattfindet und Theaterproduktionen aus allen Kontinenten in die Kleinstadt in Thüringen einlädt.

Präsident des Weltverbandes AITA IATA Rob van Genechten

Frank Grünert, Vorstandsvorsitzender des Thüringer Theaterverbandes und Leiter des Festivals empfing derweil die Ehrengäste. Darunter der Präsident des Weltverbandes AITA IATA Rob van Genechten und Geschäftsführer des Kulturrates Thüringen Jörg Dietrich.

Jörg Dietrich (Kulturrat Thüringen) und Frank Grünert (Thüringer Theaterverband im Gespräch

Um 19.30 Uhr begrüßte Moderator Christian Schröter pantomimisch  den Vize-Bürgermeister Mirko Schreiber und den Präsidenten des BDAT Simon Isser. Beide eröffneten in Ihren kurzen Ansprachen offiziell das Theaterwelten-Festival 2019.

Freuen konnte sich das Publikum anschließend auf die „Invasion!“ des finnischen Ensembles Ilves Teatteri auf der Bühne.

Wir sagen nur: „Who’s Shakespeare now, motherfuckers?!“